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Die Messingschale

Nesrine Akram Khoury
Übersetzung: Jessica Siepelmeyer
Bild von Hala Namer/ Mixed Media (2018)

Papa hat eine Messingschale. Darin bewahrt er alle Schlüssel des Viertels auf. Die Nachbarn leihen sie aus, wenn sie in ihren Häusern nach dem Rechten schauen wollen. Jetzt ist die Schale das Viertel, die Schlüssel die Bewohner. Das Wegsein lebt in ihr, in Papa.
Für Papa gibt es nur mich auf der Welt, die riesengroß ist, wie man sagt. Mama ist leise weggegangen, nur ihre Stöckelschuhe hat sie hiergelassen. Sie ist auch nicht wiedergekommen, um sie zu holen, obwohl Papa und ich sie fleißig putzen. Sachen, die jemand dagelassen hat, um die muss man sich kümmern, sagt Papa. Weggegangen ist Mama ein Jahr nachdem ich geboren wurde, da war Papas Messingschale noch nicht das Viertel. Es stimmt, ich bin noch zu klein, um Geschichten zu erzählen, aber das Leben in Papas Haus, die Schlüssel und Mamas blitzblanke Schuhe haben mir etwas Tolles geschenkt. Ihr müsst nicht so leben wie ich, es ist nicht toll, aber ich kann gut erzählen, kann euch an der Nase herumführen.
Ihr sucht mich? Hier bin ich. Papa und ich leben in einer Stadt, die Leute nennen sie „die Heimgesuchte“. Aber das ist nicht ihr richtiger Name, ihren richtigen Namen hat sie verloren, im Krieg und beim Sich-Vertragen. So wie ich meine Milchzähne verloren habe. Sie wartet immer noch auf ihr Geschenk von der Namensfee. Aber ich bin schlau genug, um zu wissen: Es gibt keine guten Feen, außer Papa.
Vom Krieg weiß ich nichts. Ich kann zwar schön erzählen, aber keine Geschichten vom Krieg. Ich erinnere mich nicht an das, was vor meinem ersten Geburtstag passiert ist. Papa hat gesagt, dass er lange mit mir und Mama von einem Viertel ins nächste geflohen ist. Er hat nur mich vor den Bomben gerettet. Erst Monate später konnten wir wieder nach Hause. Ganz viele sind weggegangen, manche leise wie Mama, andere laut wie die Leute, denen die Schlüssel gehören. „Eine Versöhnung zwischen Gespenstern“ singt die Frau, „Propheten und Gespenster rechnen ab“. Ich singe mit, wenn mir die Lieder gefallen.
Es ist immer so ruhig bei uns in der Straße, diese Stille ist für mich wie Musik. Die kaputten Häuser sind wie ein Bild. In französischen Vierteln gibt es einen Eiffelturm, in italienischen einen schiefen Turm, und wir haben ein Haus mit sieben Stockwerken, das bald zusammenkracht. Ist doch fast dasselbe. Die Steinhaufen überall sind wie ein Museum. Die Straße ist nicht so langweilig. Hier gibt es keine anderen Leute. Ist ein Fehler passiert oder wollen die hier nicht wohnen? Alle Kinder können alleine Spaß haben. Meine Freunde sind süße Geschichten wie die von Grisu, dem kleinen Drachen, der Feuerwehrmann werden will. Schöne Mamas sieht man Arm in Arm mit den Papas nur auf Hochzeitsfotos mit gezackten Rändern im goldenen Rahmen an der Wand. Dann gehen sie weg, ganz leise, lassen ihre kleinen Töchter da, beim Papa und bei den blitzblanken Stöckelschuhen. So ist das und ich habe immer geglaubt, dass es so sein muss. Dass die Angst in den Traum geht. Dass man Gott dankt, dass es nur ein böser Traum war. Dass man schlimme Dinge anderen wünscht, damit es einem selbst nicht passiert. Die Geschichten, die man sich abends erzählt. Was bei anderen anders ist oder gleich. Was einen traurig macht oder zum Lachen bringt. Das alles hat mit dem Krieg zu tun, sagt ihr, ich nenne es Leben.
Dieses Jahr werde ich eingeschult oder Papa kommt ins Gefängnis. Die Schule ist wichtig, damit die Kinder lesen und schreiben lernen. Wie das in der Messingschale passiert, weiß ich nicht, aber ich gehe brav zur Schule. Papa kann deshalb eine Woche lang nicht schlafen. Er denkt, ich bin schlauer als die Lehrer. Und weil ich dann in einer Klasse mit dummen Kindern bin, können die Gedanken in meinem Kopf nicht so schnell fahren wie ein Auto auf der Rennstrecke. Ich muss bremsen oder baue einen Unfall. Für Papa wird das schlimm. Er schaut zu, wie ich eine alte Tageszeitung lese. Stellt sich vor, ich habe eine Lehrerin mit Zähnen, die gelber sind als altes Zeitungspapier. Sie sagt, das I ist ein Stock, und spielt mit uns „Sonne und Mond“. Immer wenn sie ihre Nägel schneidet oder ihrem Freund eine Nachricht über WhatsApp schickt, ärgert sich der Mond, weil er so lange an einer Stelle bleiben muss. Papa fürchtet, dass ich draußen merke, dass wir nicht normal sind. Vielleicht sind wir Zombies für andere oder wir tun ihnen leid. Ganz schlimm ist für ihn die Vorstellung, dass die Schule aus ist, es klingelt und alle Kinder zu ihrer Mama rennen, die vor dem Tor wartet.
Papa besucht die Nachbarhäuser einmal in der Woche und ich darf mit. Wir machen die Fenster auf, lassen frische Luft rein, gießen die Pflanzen von Umm Nayef, hängen Onkel Radis Bettdecke in die Sonne, geben Miras Schildkröte Salatblätter und Gurkenschalen und lassen die Tauben auf dem Dach ein paar Runden fliegen. Wir nehmen alte Bücher, Zeitungen und Magazine mit, die vom letzten Mal bringen wir wieder.
Papa und ich haben manchmal Krach. Sonst ist ja keiner da, mit dem wir streiten können. Das ist einfach so. Wenn Wäsche stinkt, hängt man sie raus. Besonders schlimm ist es, wenn Leute kommen, um ihren Schlüssel zu holen. Papa will nicht, dass ich sie sehe. Aber ich beobachte sie heimlich. Ich bin neugierig wie ein Marsmensch, der zuguckt, wie das erste Raumschiff auf seinem roten Planeten landet. Sehen sie, dass er rot ist? Oder nennen sie ihn nur so, weil hier so viel Blut fließt? Ich lausche. Höre, wie sie reden und wie ihre Schlüssel klingen, wenn sie wieder in der Schale landen. Ich merke mir genau, wie die Leute sich bewegen, damit ich weiß, welcher Schlüssel zu wem gehört. Ein Schlüssel blinzelt wie wenn eine Hand vor seinen Augen wedelt. Ein anderer reibt sich die Hände, als ob er etwas ausheckt. Noch ein anderer hält den Kopf schief, hat ganz klar was ausgefressen.
Der erste Schultag kommt schneller als erwartet. Ich winke Papa zum Abschied, als ich in das große Schulgebäude gehe. Überall Kinder, genauso groß wie ich, sie weinen. Dieser Tag ist wohl für alle Kinder schwer. Kurz vorher, auf dem Schulweg, gehen wir durch saubere Straßen. Die Leute unterwegs sehen aus wie die, die ihre Schlüssel abholen. Ich kann ihre Bewegungen nicht erkennen. Wir hören das Surren und Klacken von Stromzählern und Wasserpumpen. Auf den Balkonen stehen Frauen in Schlafanzügen, wie in den Serien. Wir kommen an Kleidergeschäften, Gemüse- und Spielzeugläden vorbei, hinter den Scheiben ist keiner. Hupende Autos rasen über die Straße. Ich streiche über ein blaues am Straßenrand. Tonnen voller schwarzer Tüten. Ich frage mich, wieso die Leute ihren Müll zusammenwerfen. Es ist wie auf einem Karussell, die Welt dreht sich. Ich reiße die Augen auf, damit ich alles sehe.
Ich weiß nicht, was passiert ist. Sie machen die Türen zu. Papa geht wieder nach Hause. Ein lauter Knall. Wie zwei Planeten, die zusammenkrachen. Schreie. Tatütata, Tatütata.
Jetzt geht es mir besser. Papa muss sich keine Sorgen mehr machen, dass ich aus dem Haus gehe. Aber mich ärgert, dass ich die blitzblanken Schuhe meiner Mama nicht mitgenommen habe.