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Was Wikipedia nicht über Monika Rinck weiß

von Ramy Al-Asheq

Seit ich in Köln lebe und Abwab herausgebe, habe ich den Dichter in mir ein bisschen aufgegeben. Wenn man als Journalist arbeitet, klaut einem das nicht nur die Zeit, sondern auch die Energie, den Kopf und die Zeit.

Einiger meiner Prosatexte sind ins Deutsche übersetzt, aber nur zwei meiner Gedichte. Meine deutschen und schweizerischen Übersetzer erklären mir das so: „Lyrik ist so schwierig zu übersetzen“, „Niemand liest überhaupt Lyrik“, „Vielleicht solltest du lieber einen Roman oder ein Theaterstück schreiben“, „Deutsche Verlage und Leser interessieren sich nicht für arabische Gedichte“.

Ich war kurz davor, mich damit abzufinden, dass nur meine Prosa übersetzt werden und meine Gedichte nur in meiner Muttersprache erscheinen würden. Doch dann, letzten Monat, schrieb mir Annika Reich eine Mail, in der sie mich fragte, ob ich Monika treffen wollte, um mit ihr über meine Texte zu diskutieren. Sie würde meine Partnerin für Weiter Schreiben werden. Annikas Nachricht war ein bisschen seltsam. Wer war Monika? Mehr stand da nicht. Ist sie Übersetzerin? Lyrikerin? Kritikerin?

Ich entdeckte dann doch noch den Nachnamen in der Mail. Rinck … Monika Rinck … Ich bin sofort auf Wikipedia gegangen. Auf Wikipedia stand, dass Monika Rinck eine deutsche Dichterin ist. Ich las von ihren Publikationen, Übersetzungen und Preisen und dass sie einen Tag nach mir Geburstag hat. Aber sehr viel stand eben auch nicht auf Wikipedia über Monika Rinck. So wusste Wikipedia zum Beispiel nicht, dass Monika Kaffee mit Milch trinkt und nicht schwarz wie ich. Es wusste nicht, dass wir den gleichen Kalender benutzen und Monika sich mit arabischer Lyrik auskennt. Woher sollte Wikipedia auch wissen, dass Monika Ibn Arabi liest?

Bevor wir uns trafen, hatte ich ihr ein paar meiner Texte geschickt. Monika kam auf dem Fahrrad zu unserem Treffen. Sie hatte zwei literarische Wörterbücher dabei. Kaum hatten wir uns hingesetzt, holte sie zwei meiner ausgedruckten Gedichte heraus, legte sie vor mich auf den Tisch und fragte mich, welches ich denn lieber möge. Ich sagte: „Dieses!“ Wir waren uns einig.

Sie öffnete ihr Laptop und begann sofort mit dem Übersetzen. Wir saßen von zehn Uhr morgens bis zwei Uhr mittags zusammen. Unser Treffen war zu einem Workshop geworden. Vier anstrengende Stunden Arbeit für Monika. Ich saß nur da und schaute zu. Ich war so überrascht. Erwartet hatte ich eine Diskussion über Poesie und Übersetzung, die Schwierigkeit, einen Verlag zu finden, oder die Möglichkeiten, in Literaturzeitschriften zu veröffentlichen. Aber Monika füllte diese vier Stunden mit so viel Energie, dass ich sogar vergaß zu rauchen.

Als wir uns trennten, war Monika müde. Sie musste noch für eine Reise packen, die sie am nächsten Tag antreten wollte. Und ich trug das Langgedicht, das Monika mir in ihrer Sprache geschenkt hatte, auf dem Rücken nach Hause.

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