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Ernste, helle Strahlen hören

von Tanja Dückers

Eine besondere Lesung zum Tag der Bücherverbrennung 2019

Heute habe ich mit Galal in einem besonderen Rahmen gelesen. Und zwar bei der Veranstaltung „Nachbarn lesen für Nachbarn. Freunde lesen für Freunde“, die jedes Jahr in der Galerie von Alexander Ochs in Charlottenburg stattfindet. Die Galerie sowie die Hausgemeinschaft laden anlässlich des Tages der Bücherverbrennung von der Morgendämmerung bis zum Abendlicht ein – das bedeutete dieses Jahr konkret: von 5.19 Uhr bis 20.45 Uhr. Die Veranstaltung begann mit einer Meditation, dann folgten kurze Lesungen aus den Werken von Joachim Ringelnatz, Mascha Kaléko und Hannah Arendt. Um sechs Uhr lockte ein gemeinsames Frühstück.

Gelesen wurden Texte von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, deren Werke damals der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, aber auch Bücher von heutzutage verfolgten Autorinnen und Autoren. So hörte man an diesem 10. Mai Texte von Erich Kästner und Paul Celan, von Anne Frank, die in diesem Jahr neunzig geworden wäre und nur fünfzehn Jahre alt werden durfte, von Walter Benjamin, Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Gertrud Kolmar, Stefan Zweig, Thomas Mann und Magnus Hirschfeld, aber auch von Liao Yiwu, Erri de Luca, Aref Hamza, Ramy Al-Asheq und Galal Alahmadi.

Harry Schwarz, ein Nachbar aus der Schillerstraße, las in den Pausen aus den Biografien ehemaliger Mitbewohnerinnen und Mitbewohner der Häuser Schillerstrasse 12 bis 15, die deportiert und getötet worden waren. Eine etwa zwölfjährige Nachbarin gab mit ihrer Mutter zusammen ein wundervolles Querflötenduett. Es gab einen Celloaufritt, es wurde Klezmer- und persische Musik gespielt. Die Vortragenden waren wie in jedem Jahr Bewohnerinnen und Bewohner der Schillerstraße sowie Freunde und Bekannte. Die Atmosphäre ist jedes Mal ganz außergewöhnlich, feierlich, aber nicht formal. Familiär, aber nicht hausbacken. Gelebte und lebendige Erinnerungskultur, verknüpft mit der Gegenwart und mit einem Blick über den Tellerrand deutscher Historie hinaus.

Ich hatte schon vor ein paar Jahren einmal am Tag der Bücherverbrennung in der Galerie von Alexander Ochs gelesen und war schon damals begeistert sowohl von der Idee dieser speziellen Gemeinschaftslesung als auch von deren Umsetzung. Auch meine Sorge, dass es wegen des Laufpublikums viel Unruhe geben würde, hatte sich damals wie jetzt als falsch erwiesen, die Leute blieben eher, als dass sie gingen …

Ich war heute sehr gespannt, wie Galals Gedichte in diesem Kreis aufgenommen werden würden. Er würde die arabische Originalfassung seiner Gedichte lesen, ich die deutschen Übersetzungen. Wir waren um 15 Uhr an der Reihe, eine gute Uhrzeit – morgens um halb sechs dürften noch weniger Nachbarn, Freunde und einfach Literaturinteressierte den Weg in die Galerie gefunden haben.

Kaum begann Galal zu lesen, stellte sich schon etwas ein, was ich den „Galal-Effekt“ nennen möchte: Von München bis Bremen, von Berlin bis Köln wird es auf einmal ganz still im Raum. Man konzentriert sich, um Galals humorvoll-melancholischen, manchmal ins Existenzielle gesteigerten, manchmal alltäglichen Gedichten zu lauschen, sich von ihnen zu einer inneren Reise anstiften zu lassen. Bei Galal verwandelt sich ein Mensch in eine Träne – oder in einen Zug, Menschen werden zu Tieren und umgekehrt, Objekte und Subjekte verschmelzen, verwandeln sich, alles erscheint bei Galal lebendig, von Eigensinn besessen. In einem Gedicht über Verluste heißt es „Mein Herz ist ein Schrank voll mit Kleiderbügeln“, ein Kopf ist „eine rostige Sardinenbüchse“. Die Stufen eines Hauses „steigen allein herab“, Bäume sind dazu da, um an und mit ihnen zu weinen.

Es geht Galal, wie er sagt, aber nicht um surrealistisch-verspielte Einfälle, sondern darum, plakativer Direktheit zum Beispiel bei Gedichten über den Krieg – oder auch über die Liebe – zu entgehen.

Auch hier in der Schillerstraße trat wieder der „Galal-Effekt“ ein. Wenn das Scheinen der Sonne etwas wäre, das man hören könnte, wenn man leise genug ist, dann hätte man es hier vernehmen können, als Galal wie immer ohne jede Effekthascherei einfach nur sehr ruhig las und ich mich im Anschluss mit der Übersetzung vors Mikro begab. Es waren ernste, aber helle Strahlen, die man an diesem schönen, leuchtenden Freitagnachmittag in der Schillerstraße, aus der vor sechsundachtzig Jahren viele Menschen in den Tod getrieben wurden, hören konnte.

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