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Wir vertreiben uns die Zeit mit den Nachrichten von unseren Tragödien und werden betrunken davon, gelesen von
Annika Reich

Wir vertreiben uns die Zeit mit den Nachrichten von unseren Tragödien und werden betrunken davon

Salma Salem
Übersetzung: Kerstin Wilsch
Bild des Gemäldes von Fadi Al Hamwi, Titel: +90 rotated wedding; 300x200 cm Mixed media on canvas (2010)
Bild: Fadi Al Hamwi /+90 rotated wedding; 300x200 cm Mixed media on canvas (2010)

Sie machte sich wie gewöhnlich zur Zeit des Morgengebets zum Schlafengehen bereit. Das Gebet selbst interessierte sie nicht, doch ihre innere Uhr war auf die Zeit des Gebetsrufs eingestellt. Sobald sie den Muezzin „Das Gebet ist besser als der Schlaf“ rufen hörte, klappte sie ihren Laptop zu, ihre Einkommensquelle, wie sie ihn nannte, um ins Bett zu gehen.

Doch diesmal zerriss noch vor dem Gebetsruf eine laute Explosion im Osten von Damaskus die morgendliche Stille. Dann das Geräusch von Kampfflugzeugen. Die Stromversorgung war schon seit Stunden unterbrochen. Es war also nicht möglich, aus dem Fernsehen zu erfahren, was ein paar Kilometer entfernt von ihr passierte. Dort, an der östlichen Frontlinie, lebte der verbliebene Rest ihrer Familie.

Die Geräusche wurden lauter, ihre Sorge wuchs. Was für eine Katastrophe ereignete sich dort gerade? Was geschah mit ihren Verwandten, den einzig noch verbliebenen, die befugt waren, nach ihr zu fragen, falls sie nach einer Verhaftung, einer Explosion oder aus irgendeinem der vielfältigen anderen Gründe vermisst wurde? Die Verwandten im Osten von Damaskus waren ihre Stütze in diesem zermürbenden Krieg. Sie in Gefahr zu wissen, brachte sie fast um den Verstand.

Sie klebte am Bildschirm ihres Laptops, die Batterie wurde langsam schwach, und durchsuchte die Nachrichtenseiten der Opposition und der Anhänger des Regimes. Vielleicht würde sie dort etwas zu den Ereignissen finden. Doch sie stieß nur auf die Fotos der Opfer der Explosion am Justizpalast im Zentrum von Damaskus. Die Explosion hatte vor einigen Tagen mehr als vierzig Menschen das Leben gekostet, die meisten von ihnen junge Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte. Zudem hatte es etwa sechzig Verletzte gegeben – ein junger Mann, frisch verheiratet, ein weiterer vor wenigen Monaten Vater geworden, eine junge Frau kurz vor der Hochzeit … Sie erinnerte sich an alle, während sie die lächelnden Gesichter auf den Fotos betrachtete. Einige von ihnen hatte sie vor ein paar Monaten im Café des Justizpalastes getroffen, als sie mit einer Freundin dort verabredet war, um sich in einer Gerichtssache von ihr beraten zu lassen.

Zu verstehen, dass die lächelnden Gesichter auf den Fotos aus einer unwiederbringlichen Vergangenheit stammten, stürzte sie in tiefe Traurigkeit. Woher hatte der Todesengel all diese Energie, mit einem Mal Dutzende junger Leben auszulöschen? Hatte ihn die Lebenslust in ihren Augen nicht davon abhalten können? Irgendetwas stimmte nicht. Wie konnte der Selbstmordattentäter mit seinem Sprenggürtel durch die Kontrollpunkte rund um den Justizpalast gelangen, als die Angestellten ihn gerade verließen? Wie konnte er sich in die Luft sprengen und innerhalb eines Augenblicks Dutzende Leben in ein Nichts verwandeln? Wie konnte er Ströme von Blut über die zerstörten Treppen fließen lassen, die den Durst der Menschen, welche das Land und seine Bewohner mit Verwüstung und Zerstörung bedrohten, doch nicht stillen würden?

Keiner hatte sich zu dem „Massaker an den Juristen“ bekannt. Es zirkulierten widersprüchliche Versionen in den Medien, die dann im Nachrichtenticker hinter den Berichten von der geplanten fünften politischen Verhandlungsrunde in einem weit entfernten glücklichen Land verschwanden.

Die Batterie war leer, der Bildschirm wurde dunkel, der Morgen graute.

Sie sah durch das Fenster dichten schwarzen Rauch im Osten der Stadt aufsteigen, der große Flächen des Frühlingshimmels verdeckte. Wolken aus Kummer und Sorgen, die die Herzen erfüllten, während Flugzeuge vom Typ Suchoi weit oben durch den Himmel zogen, um dann eine Kurve zu drehen und plötzlich ihre niederträchtigen Angriffe auszuführen. Ebenso spiralförmig, wie sie nach unten geflogen waren, schraubten sie sich wieder an den Ort zurück, von dem sie gekommen waren. Sie hinterließen dichte Wolken aus Rauch und Schießpulver.

Es war schon fast Mittag, die Stromversorgung immer noch unterbrochen, als sie in unmittelbarer Nähe Geschosse aus verschiedenen Richtungen hörte. Die Sirenen der Rettungswagen ertönten ununterbrochen. Sie hatte nicht geschlafen und wusste immer noch nicht, was um sie herum geschah.

Sie erinnerte sich daran, dass der Besitzer der Reinigung die Kleider, die sie ihm vor mehr als zwei Monaten geschickt hatte, noch nicht zurückgebracht hatte. Er hatte damals schon angekündigt, dass es eine Weile dauern würde. Man habe in ganz Damaskus das Wasser abgedreht und das Wasser aus den Tanks sei nicht zum Wäschewaschen geeignet. Die Wasserhändler, die während der Wasserkrise in Damaskus aufgetaucht waren, hatten die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, den Leuten das gechlorte Wasser der Schwimmbäder als desinfiziertes Wasser für den Haushalt zu verkaufen. Dieses Wasser jedoch mache die Kleidung kaputt, hatte der Mann zu ihr gesagt und vorgeschlagen, die Kleider entweder wieder mit nach Hause zu nehmen oder so lange zu warten, bis die Kämpfe im Barada-Tal endeten und das Wasser nach Damaskus zurückkehren würde. Da sie aber selbst auch kein Wasser hatte, mit dem sie die Sachen hätte waschen können, entschied sie sich zu warten. Seit sich die Situation im Barada-Tal vor einem Monat beruhigt hatte und seine Bewohner umgesiedelt worden waren, gab es wieder Wasser. Die Kleidung hatte sie schlicht vergessen und so verstrich ein weiterer Monat, ohne dass ihr die Sachen geschickt wurden. Sie rief in der Reinigung an und als niemand abnahm, vergaß sie es erneut. Doch nun beschloss sie, selbst dorthin zu gehen und unterwegs in Erfahrung zu bringen, was auf der Straße los war.

Die Reinigung war geschlossen. Sie war geschockt, als sie hörte, dass ihr Besitzer verschwunden war. Keiner hatte eine Ahnung, was mit ihm geschehen war. Sein alter Nachbar, der Gemüseverkäufer, blickte zum Himmel hinauf und bat sie, für ihn zu beten: Sie seien gekommen und hätten ihn einfach aus dem Geschäft gezerrt.

Von einem nahegelegenen Markt hörte man jetzt den Einschlag einer Granate, die Menschen rannten auseinander und riefen: „Es gibt keinen Gott außer Allah … Lieber Himmel … Sie hat drei Leute getötet!“ Schreie und Wehklagen erfüllten die Luft.

Sie eilte zurück nach Hause. An der Haustür traf sie ihre alte Nachbarin, die weinte. Sie hatte Mühe zu verstehen, was sie ihr unter Tränen erzählte: „Mein Enkel … Mein Enkel wurde zu Tode gefoltert. Sein Vater hat es soeben erfahren.“ Sie fragte die alte Nachbarin, wann ihr Enkel denn festgenommen worden sei, und die alte Frau antwortete mit schmerzerfüllter Stimme, man habe ihn vor einem Jahr am Kontrollpunkt in al-Qutaifa verhaftet, als er auf dem Weg zur Universität in Latakia war. Man habe ihnen gesagt, dass es sich um eine Verwechslung gehandelt hätte. Ein ähnlicher Name…

Grauer Nebel trübte ihren Blick. Sie sah nicht mehr, wo sie hintrat. Dieses Sterben überall, Tag für Tag, umzingelte sie und nahm ihr den Atem. Für einen Augenblick fragte sie sich sogar, ob sie vielleicht selbst tot war und das, was sie erlebte, die Qualen des Grabes waren. Der Gedanke erschreckte sie. War es das Schicksal der Syrer, außerhalb des Grabes und in ihm Qualen zu erleiden? Sie sah die Gesichter ihrer Freunde, Arbeitskollegen und Bekannten vor sich, die in den dunklen Folterkellern verschwunden waren, sah sie als ausgemergelte Leichname, zu Tode gefoltert. Die Bilder ähnelten den Fotos der über zwölftausend zu Tode gefolterten Gefangenen, die der Militärfotograf mit dem Decknamen Caesar aus Syrien herausgeschmuggelt hatte. Sie schüttelte den Kopf, um diese schrecklichen Gedanken zu verscheuchen. Wie grausam Menschen sein konnten! Zu Tode gefoltert. Sie und alle anderen Zivilisten in dieser Stadt lebten unter Folter.

Sie berührte ihren Körper. War sie tot? Ein Flugzeug durchbrach die Schallmauer und ließ die Wände erzittern. Im Leben nach dem Tod gab es keine Flugzeuge vom Typ Suchoi. Es gab dort keinen Lebenden, der töten konnte. Doch hier und jetzt zu den Lebenden zu gehören bedeutete, dem Tode geweiht zu sein. In den sicheren Gebieten des Landes vertreiben wir uns die Zeit mit den Geschichten unserer Tragödie, trinken die Traurigkeit und werden betrunken davon. Wir sehen den Tod als eine Herausforderung an, aber in Wirklichkeit träumen wir von einem friedlichen Tod und einem Grab ohne Qualen inmitten eines Landes, das wir metaphorisch „Heimat“ nennen.

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– Homs, die Stadt der FesteLesenداخل الخراب العظيم
– Er hat sich verändertLesenتغيّر
– Stark ist der ArrakLesenتِقِيل العرق
Salma Salem Saša Stanišić

Salma Salem & Saša Stanišić

Salma und Saša - eine Syrerin und ein Bosnier begegnen sich. Wenn die beiden vom Krieg schreiben, wissen sie, wovon sie reden.