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Wort Gottes

Samuel Mago
Bild: Illustration Csaba Nemes 2017

am anfang schuf gott himmel und erde. und die erde war wüst und leer, so glaubte man. auch lászló járóka glaubte das. deshalb nahm er sich sonntags stets frei, stand früh auf, zog sich einen anzug an und besuchte die messe in der kirche des heiligen michael mit seinem vater. er war ein ehrlicher mensch. freundlich und wohlerzogen. seine mutter war bei seiner geburt gestorben. sein vater jóska hatte ihn alleine aufgezogen. eigentlich stimmte das nicht ganz, denn familie járóka war groß und wie es sich für roma gehörte, sorgten sich seine tanten um ihn, als wären sie seine zweite, dritte und fünfte mutter.
lászló wohnte im achten bezirk in budapest. das viertel war als das zigeunerghetto bekannt. sein vater war der erste in der familie, der nach der mittelschule ein studium angefangen und sogar abgeschlossen hatte. er war musiklehrer und drängte seinen sohn immer, gute noten zu erbringen und sich für seine rechte stark zu machen. sein ganzes leben lang erfuhr lászló nichts ungerechteres als sein studium der rechtswissenschaften. er musste sich seinen abschluss hart erarbeiten. vielleicht sogar zweimal so hart wie andere studenten. er betete viel und gott war gnädig. gnädiger als der rektor. und lászlós stärke wurde schließlich doch das recht.

während der abschlussfeier in der wohnung eines kollegen tauchte plötzlich seine cousine auf und bat ihn, mit ihr mitzukommen. er bekreuzigte sich und folgte ihr ins máv-krankenhaus. sein vater war einige wochen zuvor zu einer routineuntersuchung dort gewesen. nun hatten die ärzte einen tumor in seiner bauchspeicheldrüse entdeckt und ihn eingewiesen. die nachricht verbreitete sich so schnell, als wäre sie in den hauptabendnachrichten verkündet worden. die halbe familie war bereits versammelt. die krankenschwestern plagten sich damit, einen nach dem anderen hinauszuschicken.
lászló stand nun einem gott gegenüber. einem mensch gewordenen gott in weiß, der über leben und tod entschied und sich bei dieser entscheidung nicht von gebeten, sondern lediglich von scheinen beeinflussen ließ. die neuigkeiten des oberarztes waren ernüchternd. auch nachdem lászló manierlich ein bündel geldscheine in die tasche des arztkittels gesteckt hatte, wurden sie nicht besser. er fragte sich, warum er nicht medizin statt jura studiert hatte, doch dann sah er einen pfleger mit drei kanülen blut und einer großen nadel vorbeigehen und da fiel es ihm wieder ein.

er drängte sich durch die klagen und küsse seiner tanten hindurch zum krankenbett seines vaters. äußerlich schien es jóska gut zu gehen. er hatte in letzter zeit wenig gegessen und etwas abgenommen. davon abgesehen hatte er sich nicht verändert. sogar unter diesen umständen bemängelte er lászlos körperhaltung und tadelte ihn für den kaffeefleck auf seinem hemd. er hatte wohl nicht bemerkt, dass unter lászlós kragen die kette mit dem kreuz fehlte. lászló hatte sie abgenommen, als er von dem tumor erfuhr. trotz seiner körpergröße von nur einem meter zweiundsechzig war jóska in lászlós augen der größte mensch der welt. er war sich gänzlich sicher, dass gott – wenn es ihn tatsächlich gab – noch ungerechter war als das ungarische rechtssystem und die dozenten, die es lehrten. wenn gott solch einen gütigen und selbstlosen menschen wie seinen vater auf solch eine weise bestrafte, dann wollte lászló nicht mehr an ihn glauben.

die operation verlief gut und nachdem tausende von forint in ihren taschen verschwunden waren, entließen die götter herrn járóka aus dem spital.
einige jahre später ging er in pension. lászló hatte sich inzwischen auf diskriminierungsfälle spezialisiert und seine eigene kanzlei aufgemacht. ironischerweise waren unter seinen klienten statt den erwarteten roma vor allem schwule und frauen. eine dieser frauen heiratete lászló schließlich und wurde vater von zwei töchtern. seine sonntage hielt er sich frei, allerdings für die familie, nicht für gott.
jóska ging es eine ganze weile sehr gut. er verbrachte die meiste zeit mit seinen enkeltöchtern und seinen kreuzworträtseln. nach einer jährlichen kontrolluntersuchung kam jedoch der nächste schicksalsschlag für die familie járóka. jóska wurde siebzehn jahre nach seiner operation wieder eingewiesen. seine narben waren zwar längst verheilt, doch es bestand der verdacht, der krebs hätte sich erneuert und ausgebreitet. diesmal erfuhr es lászló auf direktem wege von seinem vater selbst. als das wort bösartig seine ohren erreichte, fiel ihm gott wieder ein, seine juradozenten, die ärzte im máv-krankenhaus und die kette mit dem kreuz in der mittleren schublade seines sekretärs. steh mir bei, sagte er zu demjenigen, den er seit jahren angeschwiegen hatte.
doch seine worte stießen auf taube ohren. jóska starb ein halbes jahr später nach langem leiden im alter von achtundsechzig jahren im krankenbett. einen beachtlichen teil seines vermögens hinterließ er der kirche des heiligen michael, weil er wusste, dass sich nicht nur götter in weiß, sondern auch diener gottes von scheinen beeinflussen ließen. die priester brachten eine bronzetafel mit seinem namen neben dem kirchentor an, zwischen den tafeln anderer großzügiger spender. das begräbnis war gut besucht und jóska wurde neben seiner frau beigesetzt. die spiegel in der wohnung der familie járóka blieben noch einige zeit verhängt.

fortan besuchte lászló die kirche lediglich bei hochzeiten oder taufen. er betete höchstens ein- bis zweimal im jahr, wenn es ihm oder seiner familie schlecht ging. er glaubte nicht mehr daran, dass man an etwas glauben müsse. am anfang schuf gott himmel und erde. und die erde war wüst und leer, und es war finster auf der tiefe. und es war finster im achten bezirk in budapest. außer wenn lászló nachts die leselampe auf seinem sekretär wieder mal angelassen hatte.

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– die ungegosseneLesen