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Als wäre es gestern gewesen

Rasha Habbal
Bild von Kindern, die in einem kleinen Schutzraum singen, während ein Flugzeug über sie hinwegfliegt / "The shadow vocals ", Syrien. Foto: Giath Taha
Kinder singen in einem kleinen Schutzraum / "The shadow vocals", Syrien. Foto: Giath Taha

Eine Stunde nach Beginn des Stromausfalls machte der Laptop schlapp. Als es passierte, kauerte ich gerade mit aller mir verbliebenen Lebensenergie vor dem Bildschirm und lauschte den Klängen von Abed Azrié. Erst als die Musik verstummte, merkte ich, dass mein Hals schmerzte. Ich hatte wie immer vergessen, mir einen Schal umzuwickeln – trotz dieser Eiseskälte, mit der Gott uns in diesem Jahr genauso bedacht hatte wie mit unserem Anteil an Schnee. Wenn man bei Gott an der Reihe ist, dann gibt es kein Entkommen …
Ich stieg auf Zehenspitzen über die schlafenden Körper, die überall im Wohnzimmer verteilt lagen. Das Wohnzimmer war wärmer als die anderen verwaisten Räume, deswegen war es unser aller Schlafzimmer geworden, und doch glich es eher dem Kühlraum eines Krankenhauses oder einem Grab.
Ich war auf der Suche nach meinen Handykopfhörern, denn ich wollte – trotz des Risikos, die Akkuladung zu verbrauchen – Radio hören. Es war ein verzweifelter Versuch, die trostlosen Fantasien abzuwehren, die mich von den Mauern ansprangen, sobald sich das schwache Licht in meiner Hand bewegte.
Auf dem Weg in die Küche stöberte ich durch die Radiosender, glücklich, Stimmen zu hören, die mir für den Moment den Eindruck vermittelten, von wachen Menschen umgeben zu sein, von Fremden zwar, aber das war mir egal, solange sie ein Gefühl von Vertrautheit hervorriefen. Und jetzt rannten diese Fremden alle kreuz und quer durch meinen Kopf, als hätte ich die Tür eines Grabmals auf ein Festival hin geöffnet.

Nachdem ich eine Kanne mit Wasser auf den Herd gestellt hatte, ging ich ins Bad, um das einzige Recht wahrzunehmen, über das niemand jemals mit mir diskutiert und für das die Großmütter nicht gekämpft hatten. Die Kälte biss mir in die nackte Haut und ich bereute, keine Zigarette mitgenommen zu haben, die ich hier in Ruhe rauchen könnte, so als säße ich auf einer Parkbank und nicht auf einer Kloschüssel.

Die Dunkelheit beschwor seltsame Bilder herauf, nun nicht mehr nur an den Wänden, sondern auch innerhalb der Mauern meines Kopfes. Ich zog mich zusammen, mein Schatten zog sich zusammen; ich dehnte mich, mein Schatten dehnte sich; ich streckte meine Hand aus, er streckte seine Hand aus; ich verschränkte meine Finger, er verschränkte seine Finger; ich formte einen Schmetterling, er formte einen; ich ließ ihn fliegen, da flog er davon.

Verändern sich die Spielregeln nicht mit der zunehmenden Dauer des Krieges?
Weil die Frage kalt war wie die Luft, spülte ich sie, bevor sie mit dem Qualm aus dem Mund des Schattenbesitzers zusammenstieß, runter und beobachtete, wie sie sich drehend im Nichts verschwand. Dann schrieb ich mit Zahnpasta auf den Spiegel: »Das Bad ist ein kalter Fragenfriedhof.«
Schon wieder Gräber, dachte ich, überall Gräber.
Weil das Wasser in der Kanne immer noch nicht kochte, suchte ich erneut nach einer Zigarette und gab mir Mühe, dabei nicht auf die Füße der Schlafenden zu treten.
Als ich in die Küche zurückkam, schien das Licht hinter mir, und so traf ich auf einen Schatten, der mir ähnelte, doch dieses Mal schief war wie die Trostlosigkeit. Ein Schatten ohne Gesichtszüge, als sei er die Tür zu einem Grab. Schon wieder.

Warum lässt du das Grab in deinem Herzen schlummern?
Es ist noch zu früh
Die anderen werden es für dich tun
Hab keine Angst, den Zug zu verpassen
Es ist noch zu früh, allein zu schlafen
Es ist noch lange hin, bis alle sagen: Leb wohl.

Ein zischendes Geräusch sagte mir, dass das Wasser endlich kochte. Ich tat etwas Schlankheitstee, ein paar Spritzer Zitrone und einen Löffel Essig in ein hübsches Glas und trank nun eine weitere Sorge aus einem Glas. Denn egal, wie viele verschiedene Ängste du in einem Krieg auch haben magst, füge ihnen unbedingt noch die Angst hinzu, auf ewig dick zu bleiben!
Als ich ins Zimmer zurückkam, folgte mir ein neuer schmächtiger Schatten. Er hatte ein Glas in der Hand, ich steckte ihn unter die Decken zwischen die Körper. Da fiel mir ein, dass der Roman, den ich gerade las, noch neben dem Laptop lag. Also stand ich wieder auf und trat diesmal auf einen Fuß und die Finger zweier Hände. Mein Schatten entschuldigte sich.
Pedro Paramo unter dem Arm, kehrte ich zurück, stellte das Radio lauter und machte es mir bequem. Ich legte mir zwei Wollschals um die Schultern und steckte meinen Kopf, seine Gedanken und seinen Schatten unter eine dicke Mütze.
Nun war ich bereit: Ich hatte ein Glas für den Luxus, schlank zu sein, einen Roman, den ich erst kurz vorher begonnen hatte, genügend Licht und ein Radio, das mich beruhigte und mir das Gefühl vermittelte, in dieser Nacht nicht allein zu sein.

Alles in Ordnung also.
Alles in Ordnung … Ich habe keine Angst vor all den Raketen, die am Stadtrand einschlagen.
Ich höre sie nicht … Ich sitze nicht darauf und stürze nicht mit ihnen ab.
Alles in Ordnung. Ich suche noch nicht einmal nach einem Taschentuch für meine Tränen.
Nur mein Schatten, der Schuft, sucht danach.

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– Scheckige HändeLesenHörenيد ملونة
Rasha Habbal Nora Bossong

Rasha Habbal & Nora Bossong

Rasha und Nora – haben keine Scheu vor trockenem Stoff. Rasha war Buchhalterin, Nora hat einen Roman über einen Handtuchfabrikanten geschrieben. Und beide können beides: Prosa und Poesie.