Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Weiter Schreiben ist ein Projekt
von WIR MACHEN DAS
und dem Gunda-Werner-Institut
in der Heinrich Böll Stiftung
Logo Weiter Schreiben
Menu

Fatma trägt zwei Wunden in der Hand*

Ramy Al-Asheq
Übersetzung: Suleman Taufiq
Foto einer Collage von Tammam Azzam
Foto: Collage / Tammam Azzam

Gedächtnissplitter
Das Meer ist weiß,
sagte die Braut unterwegs.
Sie dachte, das Wasser
 sei schwächer als zwei Ehen,
die das ganze Leben lang dauerten. Sie lehrte mich schwimmen.
Wie weiß ich nicht, aber ich erinnere mich.
 Sie warf mein Herz schonungslos
ins Meer, nicht aus Angst vor dem Pharao, nein. Sie wollte einen Propheten finden.
Ich erinnere mich, sie schwamm wie eine Wolkenmutter,
um das Wasser vor dem Verdampfen zu schützen.
Sie war die Erste. Wie alle Mütter
wies sie das Meer von sich,
verdeckte, so weit sie konnte, ihre Weiblichkeit
und stieg in Kleidern und Schleier hinab.

Randbemerkung
Fatma
fürchtete die Politik, fürchtete die Meere nicht.
Sie durchstreifte alle Polizeistationen
und schenkte jedem Polizisten etwas von ihrer Mütterlichkeit.
Sie blätterte im Album der alten Bilder, um ihn zu erweichen.
Sie kannte den Platz für ihren Sohn.

Gedächtnissplitter
Sie versuchte vergeblich, mir Ruhe beizubringen.
Ich war ein kleiner Verrückter.
Meine Spiele waren Leichtsinn
und Weinen.
Jetzt sind sie nicht mehr da.
Es hat mir genutzt.
Vielleicht
verschwand das Weinen als spontane Reaktion.

Mutter
Fatma bereitete mir das Schiff vor.
Soll ich mein Warten für dich vorbereiten?
Mutter des Gedichtes, woher kommt die Geduld
bei deiner und meiner Niederlage?

Abstillen
Fatma
wird ihre Brüste dem Meer entblößen,
es stillen und standhaft bleiben,
all dieses Salz kennt sie
und weiß, wie sie es zum Essen verwendet,
wie sie ihr Kind abstillt.

Schleier
Fatma
Wird ihren Kopf vor dem Meer entschleiern.
Ich weiß, sie las ihm Gedichte vor,
aus dem Koran,
und lächelte dem Antlitz des Wassers zu.
Sie täuschte Schwindel vor,
um sich auszustrecken.
Von Angesicht zu Angesicht mit der Sonne,
Von Angesicht zu Angesicht mit einem Himmel,
der vielleicht Verrat beging.
Sie wollte mehr Platz,
um den Verrat zu erkennen,
wenn er sich zeigte.
Das Meer verriet die Schwimmerinnen,
wie es den Geruch verriet.

Verhöhnung
Eine Hauptstadt, ein Feuer hat das Meer.
Altes Meer, lass uns einen Handel schließen.
Dem Meer den Wahn.
Mir Fatmas Jugend.
Meer, sei sanft.
Ich bin ein Sohn von Akko.
Hilft das Gedächtnis des Wassers vielleicht?
Sei nie sein Himmel,
Sei Friede.
Wir waren es, die deine Wellen zähmten
morgens und abends,
tatsächlich oder nur zum Schein.

Schlauchboot
Fatma schnallte sich mit ihrer Sehnsucht an.
Das Boot quoll über von Pilgern.
Die Sonne ihre Gebetsrichtung,
das Meer ihr Teppich.
Es taugte nicht für rituelle Waschungen.
Es war das Gedächtnis der Ertrunkenen geworden
und der Spiegel des Himmels.
Der Thron Gottes
blieb dem Meer und auch den anderen fern,
doch das Gesicht Fatmas entschwand nicht.

Schwere Milch
Fatma bereitet für uns den Garten und die Milch,
als ob es uns nicht gelungen ist,
die Wellen in den Meeren zu beruhigen,
und der Himmel wurde leichter.

Warten auf ein Wunder
Fatma,
Mutter der Wahrheit,
wie oft haben wir gelogen,
um dich wiederzusehen?
Wie oft haben wir gelogen,
vor dem Feuer deiner Angst,
unsere Gesichter verborgen?
Höchste Zeit, dass die Meere auf deinen Händen stehen
und das Wasser rieselt.
Tochter des Himmels,
Vor deinen Wunden werfe ich mich nieder.

Am Ufer des Wartens
Das Gesicht des Schiffes,
das Gesicht aller Fliehenden,
unser Gesicht
sucht noch immer die Belagerung im Himmel.
Das Gesicht der Sonne schwebte,
sie ging unter,
dann ging sie verloren.
Ich schluckte das Feuer
und hatte nicht genug.
Ich stahl, was mein Leben wollte,
als der Tod noch schlief.

Detail
Meine Mutter
wird unsere Gesichter bunt auf das Meer zeichnen,
und unser Foto dem Geschrei der Fische zum Verzehr anbieten.
Sie wird den Tagen sagen:
Das ist mein Lachen,
das Wasser zeichnet mich als Prophetin,
mein Talisman ist die Stimme meiner vier Jungen:
Mutter, Mutter, tausendmal Mutter!
Ich schiffte mich ein in die Wehklage der Männer ohne Segel.

Warten
Und ich, ich werde auf den Frieden warten.
Ich werde am Ufer
jedes Lied, das ich kenne,
dem Wasser übergeben.
Das Geheimnis der Frauen wird an der Grenze des Meeres enden.
Oh, Meer, warte auf das Ende der Geschichte,
ohne Fragen zu stellen.
In deinen Händen, meine Mutter.
Sag ihr: lächle.
Ich werde lachen,
damit mein Wesen zu Regen wird
und dein Gesicht eine Ähre.

Zwiesprache
Fatma bereitet für sich den Weg des Anfangs am Ende ihres Meeres vor.
Meeresgöttin,
fülle die Haut des Wassers mit der Saat deiner Angst
und schaffe auf dem Meer ein Paradies.
Die Frau durchquert ihr Wasser mit dem Wasser zu dir.
Erschaffe Land…
Meeresgöttin,
nimm dich in Acht
vor der Gotteslästerung der Boote, wenn sie zerschellen.
Nimm dich in Acht.
Die Küstenwächter sind falsche Propheten.
Sie breiten das Wasser über dem Wasser aus,
Land ist nicht mehr in Sicht.
Schicke eine Nachricht wie dein Licht.
Trenne den Himmel von deinem Gesicht.
Freue dich,
wenn das Meer enger wird.
Freue dich,
wenn dein Thron enger wird.
Wenn es eng wird,
wird die Geschichte größer für die,
die das Leben liebt.
Wenn die Abrechnung klein ausfällt,
wird dieser Wind abnehmen.
Wenn das Wasser breiter ist,
werden die Fliehenden ungeduldig,
sie bezichtigen die Gischt der Häfen der Lüge:
Unter dem Meer keine Göttin.

Im Griff des Meeres
Fatma, du wirst überleben:
Ich habe mich nicht an dem Land vergangen, das Land hat sich an uns vergangen,
sagt sie und auch:
Gesiegt haben die Kriege aller Menschen,
die Worte sind besiegt, das Meer wurde zur Sintflut.
Kein Pilgerrundgang um das Meer,
ich fand keinen Weg dorthin.
Sie wird überleben. Wie?
Das Meer fürchtet ihren Leichtsinn
und gebietet der Liebe des Salzes in ihrem zarten Mund Ehrfurcht.
Dass sie es fürchtet, glaubt das Meer nicht.
Das Wasser weiß,
dass es ihr Ungehorsam ist
und ihre damaszenischen Tränen.

Das Ufer
Ich nähere mich der Grenze des Wassers.
Meine Augen suchen nach einer Küste.
Ich ziehe meine Wunden so straff wie sie es zulassen.
Ich verneine die Möglichkeit,
ein Land mit einem anderen zu verbinden
und versuche, als Don Quichotte
zwei Kontinente zusammenzufügen.
Dort ist eine Brücke über meinem Kopf,
der Zug fährt über mich.
Unter mir ruhen sich die Boote aus.
Ich ziehe, ich warte, ich ersticke, ich werde enden.
Fatmas Antlitz… wird nicht erscheinen.

Irrung
Von Angesicht zu Angesicht
sehe ich sie nicht, und sie sieht mich nicht.
Ich wurde zum Meer.
Mein Leib blieb ohne Salz.
Zu einer Brücke wurde ich,
die fast zerborsten wäre.
Die Knochen sind jetzt brüchig.
Da erschien ihr Gesicht,
und lief über meine Haut.
Der Krieg schloss die Fenster für das Neue.
Normale verließen uns,
das Ganze wurde normal.
Du allein versetzt es
in Erstaunen.

Enthüllung für die Abwesenheit
Mutter, komm, ich sage dir die Wahrheit.
Ich bin dir nicht ähnlich.
Die Merkmale ähneln der Vergangenheit.
Alles hat sich verändert.
Ich betrat all meine Schatten
und ging dem Licht entgegen.
Der Weg ließ mich im Stich.
Ich tat das Gegenteil von dem, was der Schlepper sagte,
ich bin nicht angekommen.
Die Wälder bissen mich.
Die Bäume belagerten und nahmen mich mit auf denselben Weg,
die Polizeistationen sind meiner überdrüssig.
Ihre Eigenart, ihr Dienstgrad
und die Uniform, auch wenn die Farbe sich ändert,
würgen mich.
Ich bin die Nebenstraße, wenn sie von der Verführung asphaltiert wird.
Ich ähnle dir nicht.
Ich habe einen Glauben begründet
und begann, nur nach seiner Wahrheit zu suchen.
Ich brauche keine Gläubigen und keine wahrhaftigen Männer.
Was ich habe, ist nur ein Buch mit meinen Gedichten.
Es ist keine Offenbarung,
nur ein Lied, das im Denken zu weit gegangen ist.
Ich ähnle dir nicht.
In Wahrheit
ähnle ich deinem damaszenischen Gesicht in Amman.
Es rettete mich schon lange.
Verzeih mir, wenn ich es in die Länge ziehe.
Das Gedicht erreicht seine Geschichte zu spät.

Gesang
Und jetzt Fatma, meine Wunde.
Und jetzt Mutter, mein Salz.
In der versperrten Reichweite ist eine Hauptstadt zu verkaufen.
Du hast der Stadt nichts angetan.
Wir ernteten etwas von dem, was die Zerstörung in der Mitte des Herzen gesät hat.
Immer noch faselt sie von der baldigen Rückkehr.
Sing, damit die Zerstörung gegen die Zerstörung kämpft.
Es wird dort kein Licht geben,
solange Finsternis herrscht.
Fatma wird ihr Gesicht nie mit Geduld waschen.

Köln 2015

-----------------------------------------------------
* Dieses Gedicht widme ich meiner Mutter. Sie trug ihren Namen, als sie allein den Weg über das Meer nahm, um in Deutschland Exil zu finden. Ich schrieb das Gedicht, bevor Fatma das andere Ufer erreichte.