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Laudatio auf Lina Atfah von Nino Haratischwili zur Verleihung des Kleinen Hertha Koenig-Literaturpreises

 

Ich bin Lina nicht begegnet. Bis heute. Aber ich hatte gleich zu Beginn unserer Korrespondenz das Gefühl, sie zu kennen. Ich maße mir nicht an, dass dieses Gefühl einigen Parallelen in unseren Biografien geschuldet ist. Dass wir beide Kinder der Achtziger sind, dass wir beide weggegangen sind aus dem Land unserer Kindheit, dass wir beide in der Literatur eine Heimat gefunden haben, dass wir beide haben unsere Sprachen wechseln, sie neu finden müssen, dass wir beide diesen etwas geheimnisvoll-nervigen Stempel „exotisch“ umgehen müssen, um jenseits der Klischees unsere Geschichten erzählen zu können, dass Deutschland uns zu einem zweiten, oder besser gesagt, zu einem anderen Zuhause geworden ist. Genauso wenig mag ich irgendwelche Parallelen in den Geschichten unserer Herkunftsländer suchen, die beide einen Reigen aus Krieg und Gewalt getanzt haben oder heute noch tanzen.
Es wäre falsch zu behaupten – unsere Erfahrungen oder Erinnerungen wären ähnlich oder gar gleich, denn das wäre leicht zu widerlegen, würden wir Nachforschungen anstellen und die Fotoalben in unseren Köpfen durchblättern. Ich glaube auch nicht, dass es sinnvoll ist, irgendwelche Überschneidungen des Leids zu suchen, denn das Land, aus dem ich komme, lebt heute – trotz der von Russland okkupierten Territorien – in Frieden. Das Land, aus dem Lina kommt, ist mittlerweile zum Sinnbild einer modernen Menschheitstragödie und allen voran des menschlichen Versagens geworden.
(Aber das ist ein anderes Thema.) Ich finde es falsch, eine künstliche Nähe zu behaupten, um eine plausible Erklärung dafür zu finden, was mich zu Lina oder viel mehr zu ihren Gedichten gebracht und in seine schaurig-schöne Bann gezogen hat.
Denn simpel gesagt verdanke ich Linas Entdeckung Annika Reich, eine Kollegin von mir, die unsere vorerst virtuelle Bekanntschaft ermöglicht hat. Sie fragte mich für „Weiterschreiben“ an, ein wunderbares Projekt, das sie mit injiziert hatte und das Autoren und Autorinnen aus Krisengebieten es ermöglichen sollte, mit den Kollegen aus Deutschland in Verbindung zu treten bzw. ein Netzwerk aufzubauen.
Lina und ich wurden einander zugewiesen, ohne viel von einander zu wissen. Wir begannen mit dem Austausch von E-Mails. Ich hatte mir keine großen Gedanken darüber gemacht – was daraus entstehen sollte oder könnte, ich weiß noch, dass ich mich etwas unsicher gefühlt habe – was könnte ich Lina anbieten, wie könnte ich ihr helfen, im literarischen Deutschland besser anzukommen? Ich wusste, dass sie seit einigen Jahren in Deutschland lebte, die Sprache lernte und Lyrik schrieb – die in ihrer Heimat nicht veröffentlich werden durfte und die in Deutschland noch kein richtiges Zuhause gefunden hatte.
Ich bin mit Lyrik großgeworden. Hauptsächlich mit Russischer, Georgischer und Deutscher. Meine Großmutter konnte seitenweise Achmatowa und Jessenin rezitieren und stets glühten ihre Augen dabei, immerzu betonte sie die Schönheit der Sprache und wies mich auf die Feinheiten einzelner Wortkombinationen hin. Sie war in den 1930ern geboren, zur Zeit der Stalinistischen Repressionen, und wie jeder Sowjetmensch, war auch für sie die Lyrik eine Art Urgewalt, eine mächtige Waffe gegen das System, eine codierte, geheime Sprache, in der sich Millionen in einer Diktatur lebende Menschen verstehen und austauschen konnten. Man sprach gar vom poetischen Widerstand und von der „zweiten Kultur.“
Ich konnte diese Begeisterung, diese Aufruhr, mit der sie mit die Verse vortrug, nur bedingt nachvollziehen – die Zensur hatte in den 1980ern natürlich nachgelassen, auch war ich zu jung um das ganze Ausmaß an politischer Dimension, die sich in diesen Zeilen verbargen, nachvollziehen zu können, aber mit der Zeit, als ich mich schon Jahre später auf die Spuren des russischen Symbolismus begab, begriff ich, was sie so entflammen ließ – es war die Möglichkeit das Unsagbare, das Verbotene, das Unterdrückte, das Schmerzliche einer ganzen Nation und somit auch eines jedes Einzelnen in Worte zu fassen. Vom Fabrikarbeiter bis hin zum Arzt – sie alle waren vereint in einem System aus Angst und Unterdrückung und sie alle waren auf eine Art gleich wortlos. Sicherlich besaßen manche mehr und manche weniger Privilegien, aber allen wurden die Flügel gleichermaßen beschnitten, alle waren gleichermaßen Gefangene in ihrem eigenen Land. Und einzelne Menschen, in dem Fall die Dichter, die ihre Zeilen nicht selten mit unsagbarem Leid oder gar mit dem Tod bezahlten – sprachen für all diese Sprachlosen. Sie fanden Worte dafür, wofür die anderen keine hatten. Sie fanden Umschreibungen und Übersetzungen für all die Gefühle, die die Menschen in diesem riesen Reich in sich trugen und doch niemals offen zeigen durften.
Als ich Linas erstes Gedicht las, musste ich merkwürdigerweise an meine Großmutter und ihre glühenden Augen denken, wie sie die Zeilen verschiedener Dichter vortrug, als wolle sie mir mit ihrem Blick noch so viel mehr verraten, als die Worte, die sie aufsagte, als verberge sich hinter ihnen noch ein viel tiefer gehender Sinn und ein doppelter, wenn nicht gar dreifacher Boden. Ich konnte diese Böden nicht alle erfassen, aber ich ahnte, ich spürte sie. Trotz der Gegenwärtigkeit diesen Anblicks, den ich sofort vor Augen habe, wenn ich an meine Großmutter denke, erschien mir dieses Glühen, dieses Geheimnis, das sie mit so vielen aus ihrer Generation teilte und das mir nie ganz zugänglich war, als etwas sehr weit Zurückliegendes, wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche. Denn für mich, als eine in den letzten Atemzügen der Sowjetunion Geborene, war diese Art von Zensur und Angst nicht wirklich greifbar und vorstellbar. Als ich meine ersten literarischen Schritte unternahm, lebte ich zwar in einem bürgerkriegszerrüteten Land, in dem das tägliche Überleben einem Kreuzzug durch den Dschungel glich, aber dennoch war es bereits ein freies Land und niemand interessierte sich dafür, was ich da aufs Papier brachte. Die Menschen hatten damals ganz andere Sorgen.
Später, nach meinem Umzug nach Deutschland und nach der Wechsel der Sprache – war ich umso freier, als hätte mir die erlernte Deutsche Sprache eine Distanz ermöglicht, die ich benötigte, um bestimmte Dinge aufs Papier zu bringen, die ich vielleicht in meiner Muttersprache nicht zu schreiben vermocht hätte. So oder so war für mich das Schreiben zwar immer eine Art Grenzüberschreitung, ein Zustand, als würde man durch ein Mikroskop auf das Leben schauen, aber es war niemals etwas, das ich mir erkämpfen musste, es war niemals etwas, was mich auch nur ansatzweise in so etwas wie Lebensgefahr brachte, niemals etwas, was einer Art codierter Geheimsprache glich – wie im Falle der Generation meiner Großeltern.
Lina aber, die 1989 in der syrischen Stadt Salamiyah zur Welt kam und im Kreis einer großen Familie aufwuchs, schrieb seit ihrer Kindheit Gedichte. Sie nahm an vielen Lesungen und verschiedenen literarischen Veranstaltungen teil, bis sie, damals 17-jährig, ein Gedicht vortrug, das sie wegen seines politischen und sozialen Inhalts mit dem Regime in Konflikt brachte. Sie wurde der Gotteslästerung und Staatsbeleidigung beschuldigt. Und das war nicht 1937, sondern 2006. Den Lyrikband „Am Rande der Rettung“, den sie danach veröffentlichte, konnte sie nur außerhalb von Syrien verlegen.
2013 musste ihr Mann Syrien verlassen, während Lina ein Jahr in der Ungewissheit und unter dem ständig wachsenden Druck des Staates lebte. Sie wurde immer wieder zu verschiedenen Befragungen und Untersuchungen in Damaskus vorgeladen – „ich überlebte, aber mein Herz blieb dort“, schrieb sie mir.
2014 gelang auch ihr die Ausreise. Als ein neuer Osman und als eine neue Lina seien sie sich nach diesem Jahr der Trennung in Deutschland wiederbegegnet.
Die Erfahrung aus der Heimat fliehen zu müssen – ist, so denke ich, in jeder menschlichen Biografie ein harter Schnitt, eine Zäsur, ein Teilen in Davor und Danach, aber für einen Autor ist es eine doppelte Entwurzelung, ein Verlust der Sprache und somit ein Sprung in die Unerträglichkeit des Ungewissen. Bei Lina hat es acht Jahre gedauert, bis sie in Deutschland, ihrer Wahlheimat, ihre Sprache wiederfand. Erst 2015, schreibt sie, bekam sie die Möglichkeit in Köln an einer Lesung teilzunehmen, eine Art Türöffner – denn sie erhielt daraufhin ein Angebot mit einem übersetzten Text von ihr in einer Anthologie publiziert zu werden. Ich denke, ein großer Schritt für jemanden, den die Flucht und die fremde Sprache für acht Jahre zum Schweigen verdammt hatten. Auch schrieb sie mir, dass sie 2015 zum ersten Mal wieder eine Hoffnung hatte, als Autorin gehört und gelesen zu werden, eine Chance für sich. Sie nahm an einem Übersetzerworkshop teil, ihre Gedichte wurden ins Deutsche übersetzt, sie wurde Teil des Weiterschreiben-Projekts.
Kurz nachdem Lina und ich mit unserer Korrespondenz im Mai begonnen hatten, erhielt ich eine E-Mail: ihr Vater war verhaftet worden und es war ungewiss, ob und wenn ja, wann er wieder frei kommen würden. Mittlerweile war Linas Familie, bis auf ihren Vater, ihr nach Deutschland gefolgt. Ohnmächtige, wütende, fassungslose E-Mails vom gesamten Weiterschreiben-Team wurden ausgetauscht, auch ich fühlte mich zutiefst betroffen und zugleich nutzlos. Man wollte Lina Trost spenden, ihr Hoffnung machen, aber man wusste, es waren doch nur Worte. Auf einmal war das ganze menschliche Drama des fast sieben Jahre andauernden syrischen Kriegs, den man über Fernseher- und Computerbildschirme verfolgte, von dem man in den Nachrichten las, personifiziert, auf einmal wirkte er nicht mehr so fern, sondern schien aus den Bildschirmen in unsere Realität zu kriechen. (Ich fühlte mich ins Jahr 2008 zurückversetzt, als ich mich inmitten meines georgischen Urlaubs, von einem Tag auf den anderen, im Kriegsgeschehen zwischen Russland und Georgien wiederfand und wie verrückt E-Mails an Freunde schrieb – da sie durch mich auf einmal jemanden kannten, der Teil dieser Nachrichten war, mit denen sie überflutet wurden, und die, wie mittlerweile auch ich selbst bei der Nachricht von Linas Vater, nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten.)
Da habe ich begriffen, warum ich bei den Zeilen von Lina an die glühenden Augen meiner Großmutter denken musste. Warum mich unser E-Mailaustausch so empfänglich machte für Gefühle, die ich seit meiner Kindheit irgendwo verbannt und vergessen glaubte. Ich begriff, dass diese Vergangenheit, von der ich immer annahm, dass sie zu meiner Großmutter gehört, aber nicht zu mir, niemals vergangen ist. Dass sie genauso zu meiner Gegenwart gehört wie der Glaube, ein freier Mensch zu sein. Dass diese Gegenwart, auch hier, im sicheren Deutschland, durchaus Bestand hat.
Lina war jetzt. Lina machte das Dort zum Hier. Lina war diejenige, die schrieb:
Sie kommen auf dem Land-, dem See- oder dem Luftweg
Fliehen von Hauptstadt zu Hauptstadt, von einer Grenze zur anderen
als seien die Landkarten Illusionen
und als sei ihr Anteil am Leben die Flucht
als ob das Land düstere Augen hätte, die im Nebel tränten...
Und ein paar Zeilen später:
Mir kam es so vor, als sei ich ein Lexikon meines Ortes
und wenn man mir sagte, oh Mädchen, das Reden ist nicht gestattet
weinte ich um meine Sprache: Verhülle mich! Am Rande der Rettung...
Lina war das Glühen in den Augen meiner Großmutter. Sie fand Worte für die, die sie verloren hatten. Sie suchte nach einer Sprache inmitten der Sprachlosigkeit. Sie machte für mich etwas greifbar, was in seiner ganzen Grausamkeit zur Abstraktion verkommen war. Sie erzählte Geschichten von ihrer Welt, die zum Abschuss freigegeben worden war. (Einmal wieder...)
„Ich bin immer in Stücke zersprungen und alle meine Gedichte sind silberne Herzsplitter.“ Dieser Satz stammt von meiner Lieblingsdichterin Marina Zweitajewa und auch Lina legte diese Herzsplitter bloß.
Die Vergangenheit, von der ich annahm, sie wäre fort, ist niemals vergangen. Wir leben in einer Zeit, in der Nationalität wieder die stärkste Währung und die größte Identifikationsfläche wird. Wir bauen Stacheldrahtzäune auf und haben Angst vor Fremden, denn von denen heißt es unentwegt - sie seien so anders als wir. Es ist nahezu absurd, dass man sich am fremdenfeindlichsten in den Regionen zeigt, in denen die wenigsten Kulturen neben einander leben, in denen die wenigsten „Fremde“ zu Hause sind. Und je mehr Hass und Abschottung gepredigt wird, desto wichtiger ist es, zu erzählen, wer wir sind und woher wir kommen und wie viel wir doch gemeinsam haben. Desto wichtiger ist es, eine Sprache zu finden, die vielleicht nicht jedem zugänglich ist, die aber jeder mit seinen Sinnen ertasten kann, die ihn genau dort erreicht, wo er niemals glaubt, entdeckt zu werden. Diese Sprache heißt die menschliche und Linas Gedichte sind in genau dieser Sprache verfasst. Sie klagen nicht an, sie werfen nichts vor, sie ersticken nicht in der eigenen Wut oder Trauer, sie erzählen einfach, erzählen davon, wie es ihr und vielen Menschen aus ihrer Welt ergangen ist, und konfrontieren uns somit mit uns selbst und den Fragen unserer Gegenwart.

Ende Juni kam Linas Vater frei. Er ist seit dem 24.10 in Libanon. (Lina wies mich darauf hin, dass es der Geburtstag von Hertha König sei.) Die ganze Familie hofft, dass er bald nach Deutschland ausreisen darf. Und derweil schreibt Lina:

- Wo gehe ich mit meinen Gedichten hin?
- Heb ein kleines Grab unter deinem Kissen aus und schlaf damit deine Träume wahr werden...
- Was mach ich mit der Zeit?
- Brich sie auseinander wie einen Granatapfel....
- Warum sterben die Tyrannen?
- Damit die Völker leben....

Und verteilt weiterhin ein paar von ihren Herzsplittern.

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